Warme Mahlzeiten auf dem Fahrrad transportiert

2002112

Die harte Arbeit der Frauen und Kinder zu Beginn der Bimssteinfabrikation hat Bürgermeister Norbert Hansen anlässlich des Weltfrauentages bei einer kleinen Feierstunde im Rathaus der Gemeinde in besonderer Weise gewürdigt. Die Idee hierzu stammt von Elmar Hillesheim, dem Vorsitzenden der Naturfreunde des Amtes Bergpflege, der sich unter anderem auch mit der Sozialstruktur der Bevölkerung in dieser Region beschäftigt hat. Er hörte aufmerksam den vielen Erzählungen zu, die von der Situation der arbeitenden Menschen in den Betrieben der Schwemmstein-Herstellung berichteten. Gerhard Elingshäuser wiederum berichtet in seinem Buch
über die Geschichte von Kettig vom Beginn der Bimssandstein-Fabrikation in diesem Ort. "Der Urmitzer Johann Elingshausen war mit Margaretha Kohl aus Kettig verheiratet. Eines Tages im Jahre 1854 traf Johann auf dem Nachhauseweg von Coblentz einen Arbeiter,
welcher ihm klarmachen wollte, dass man aus dem Bims Mauersteine herstellen könne und ihn schließlich zu dem Entschluss brachte, es einmal zu versuchen. Alsbald machte sich Elingshausen ans Werk. Die ersten Versuche der Fabrikation wurden im Hause im Hof gemacht. Die Sache hatte Erfolg, so dass eines Tages verschiedene angefertigte Stein in einen Nachen geladen und nach Bonn und
Köln gebracht wurden, wo sie Bauunternehmern probeweise überlassen oder verkauft wurden. Allmählich fand das neue Fabrikat Anklang und man fing an, die besonderen Eigenschaften dieses Baumaterials zu erkennen. Damit war der Grundstein zu einer Industrie
gelegt, welche für viele Jahrzehnte das Neuwieder Becker beherrschen sollte".

Nach und nach gaben viele Kettiger die Landwirtschaft auf und verlegten sich auf die Herstellung von Steinen, denn in der Gemarkung gab es genügend Bimssand. Neben kleinen Produktionsstätten entstanden auch größere Betriebe zwischen Kettig und Weißenthurm, in denen zahlreiche Kettiger Männer arbeiteten. Außerdem fanden viele Bürger eine Arbeitsstelle beim "Blech" (Firma Schmalbach). Da diese Leute nicht so ohne weiteres mittags nach Hause fahren konnte und Kantinen noch nicht existierten, musste ein anderer Weg gefunden werden, wie die hart arbeitenden Menschen ihre Beköstigung erhalten könnten. Sicher nahmen viele Arbeiter ihre Brotstullen mit. Doch andere fegten großen Wert auf eine deftige Hausmannskost, die zuhause von Muttern gekocht und ihnen dann in den Esskesselchen gebracht wurden.

Katharina Hillesheim ist inzwischen 77 Jahre und war bereits kurz nach Ende des 2. Weltkrieges als Essensträgerin unterwegs. "Mein Bruder arbeitete bei Schmalbach und er hatte Kollegen, die aus Kettig waren. Zuerst habe ich nur diesen Männern ihr Essen gebracht. Später kamen weitere in den Schwemmsteinbetrieben hinzu. Ich bin sogar bis zur Amtsverwaltung gefahren, wo ich ebenfalls das Essen in den Blechbehältern abgeliefert habe. Ich habe damals von den Arbeitern zwei Mark pro Woche erhalten", berichtete Katharina Hillesheim, die ebenso mit dem Fahrrad über den Kettiger Berg in Richtung Weißenthurm fuhr wie einige Jahre später die heute 62 jährige Gretel Achatz aus Namedy, die eine geborene Elingshäuser ist. Sie hat bereits mit 12 Jahren (von 1952 bis 1958) ihr Fahrrad genommen und zeitweise bis zu 12 "Menues" transportiert. "Die Esssenkesselchen wurden jeweils in eine Leder-, Bast- oder Stofftasche gesteckt, die dann an einem Brett befestigt wurden, dass auf dem Gepäckträger installiert war. Und so ging meine Tour um 11.30 Uhr Ios. Dabei musste ich mich beeilen.

Die Familie brauchte das Geld Ich bekam in der Schule eine Stunde frei, um meine Arbeit zu erledigen. Wenn ich fertig war, musste ich noch einmal zum Unterricht zurückkommen", erzählte Gretel Achatz, wobei ihr Bruder Gerhard Elingshäuser immer dann ihre "Vertretung" übernahm, wenn sie einmal nicht arbeiten konnte. Das verdiente Geld durfte sie allerdings nicht für sich behalten. Ihre Familie brauchte den Verdienst dringend. Einmal wurde sie gebeten, eine weitere Essensportion mitzunehmen. Hiervon erzählte sie ihren Eltern allerdings nichts, weil Gretel gerne auch ein wenig Taschengeld besitzen wollte. Als sie wegen ihres schlechten Gewissens ihrer Mutter dennoch davon erzählte, war die ganz schön böse auf ihre Tochter. Nach langem Hin und Her, vielen Vorwürfen und harten Auseinandersetzungen durfte sie dann doch die zwei Mark pro Woche behalten.

Es gab beim Treffen im Rathaussaal viel aus der Vergangenheit zu erzählen. Offenkundig machte dieses anregende Gespräch allen Beteiligten sehr viel Spaß. Jeder konnte etwas aus seinem Leben, aus seiner Vergangenheit und seinen Erlebnissen erzählen, was die
übrigen Gesprächsteilnehmer gerne zum Anlass nahmen, nun ihrerseits einige Episoden zum Besten zu geben. Dabei waren Willi Hommer, Katharina Hillesheim, Katharina Fuchs, Gerhard Elingshäuser, Beate und Elmar Hillesheim, die von Bürgermeister Norbert Hansen zu diesem interessanten Treffen eingeladen wurden, keinesfalls nur Zuhörer. Sie selbst ergänzten die Erzählungen der beiden Frauen durch ihre eigenen Berichte aus der Vergangenheit. Und so wurde es ein abwechslungsreicher Nachmittag, bei dem der Bürgermeister an die Problematik vergangener Jahre erinnerte, als ganz Familien, Männer, Frauen und Kinder gemeinsam in den Bimsfabriken in Kettig und Umgebung arbeiteten. "Die Männer klopften die Steine und die Frauen und Kinder zogen die Brettehen (die Brettehen, auf den die getrockneten Steine lagen, wurden weggezogen). Und all die Leute mussten mit Nahrung versorgt werden. Daher gab es immer auch Frauen und Kinder, die den Transport der Essenskesselchen übernommen haben. Ich denke, es war gut, dass wir uns gemeinsam mit Katharina Hillesheim und Gretel Achatz noch einmal an diese Zeit erinnert haben", betonte Norbert Hansen abschließend.

-JÜG-