Eingriffe in Natur und Umwelt bergen Risiken

Nachdem bereits der Stadtrat in Andernach sowie der Ortsgemeinderat in Kettig ihre grundsätzliche Bereitschaft erklärt haben, sich an der Planung für ein gemeinsames Gewerbegebiet zu beteiligen, gab nun auch der Stadtrat von Weißenthurm (gegen die Stimmen der SPD und eines CDU-Ratsmitgliedes sowie mit einer Stimmenthaltung) ebenfalls eine entsprechende Absichtserklärung. Dabei erfuhren die Damen und Herren des Stadtrates, dass im Bereich der Anschlussstelle B 9/ B 256 in einem Zeitraum von fünf bis sieben Jahren ein interkommunales Gewerbegebiet mit einer Planungsfläche von ca. 150 Hektar Bruttofläche entwickelt werden soll. Im Sachlagenbericht wird ausgesagt, dass unter Beachtung von Umweltaspekten, Verkehrsgesichtspunkten und den Interessen der Landwirtschaft eine Ansiedlung zukunftsträchtiger Unternehmen vorgesehen ist. In Weißenthurm wird eine direkte Anbindung an die B 9 angestrebt. außerdem soll eine Verbindung zwischen B 9 und A 61 erfolgen. Allerdings könnte die Straßenverbindung auch zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen. Dabei betonte Bürgermeisterin Gertrud Wagner, dass in das vorgesehene Gebiet auch Flächen mit einbezogen werden (hinter Aldi bis zur Schule und darüberhinaus), die sowieso bereits als Gewerbegebiet vorgesehen sind. Eine besondere Gefährdung hinsichtlich der Zerstörung eines möglichen Natur-Erholungsgebietes wird in diesem Fall nicht gesehen, wobei allerdings
gewisse landwirtschaftliche Flächen wegfallen würden.

Klar ist, dass sich die Gemeinden und Städte weiter entwickeln müssen, als attraktive Wohnstandorte und auch als Standorte für eine tragfähige wirtschaftliche Entwicklung. Dabei sollte jedoch immer die Lebensqualität der Bürgerinnen und Bürger im Vordergrund stehen. Diese kann unter anderem insofern gesteigert werden, wenn im näheren und weiteren Wohnumfeld eine erlebbare Natur erhalten und entwickelt wird. Dabei sollen die Kommunen entsprechende Entscheidungen zum Ausgleich der beabsichtigten Veränderungen in Natur und Landschaft treffen.

Doch soweit ist die Situation in dem angedachten Gewerbegebiet noch nicht. Die beiden Städte und die Gemeinde Kettig wollen nun nach ihren Absichtserklärungen eine Machbarkeitsstudie in Auftrag geben, um die Chancen für eine Realisierung auszuloten.

In diesem frühen Stadium formiert sich allerdings Widerspruch gegen dieses Vorhaben, das nicht ohne Problematik ist. Im Rahmen der Gesamtfortschreibung des Flächennutzungsplanes der Stadt Andernach vom August 2001 wurde eine Beurteilung der Umweltverträglichkeit eines solchen Industriegebietes vorgenommen. Dabei wird festgehalten, dass für Klima/Lufthygiene ein mittleres
bis hohes Risiko vorhanden ist, wobei besonders der großflächige Verlust von Kaltluft produzierenden Flächen in dem insgesamt bereits vorbelasteten Neuwieder Beckenraum als äußerst nachteilig bezeichnet wird. Auch Einriffe in Natur und Umwelt bergen Risiken beim Wasserhaushalt/Boden, beim Arten- und Biotopschutz sowie beim Landschaftsbild/Erholung wird ein mittleres bis sehr hohes Risiko angenommen (was sich allerdings nur auf die Flächen bezieht, die zu Andernach gehören, wobei diese angenommenen Gefährdungen
möglicherweise auch Auswirkungen hin nach Weißenthurm und Kettig haben könnten). Aufmerksame Naturschützer vertreten die Auffassung, dass durch die Erschließung eines Gewerbegebietes in diesem Raum das Landschaftsbild erheblich beeinträchtigt wird. In den letzten Jahren sind der heimischen Landwirtschaft durch die Ausweisung von Wohn- und vor allem Gewerbegebieten erhebliche Flächen verloren gegangen. Die jetzt für die Planung vorgesehenen Flächen stellen eine der letzten großen zusammenhängenden landwirtschaftlichen Produktionsflächen in diesem Gebiet dar. Zusätzlich würden durch die angedachte Querverbindung zwischen der B
256 und der A 61 die bestehenden landwirtschaftlichen Flächen zerschnitten. Im aktuellen, vor kurzem verabschiedeten Flächennutzungsplan der Verbandsgemeinde Weißenthurm, wird kein nennenswerter Bedarf an neuen Gewerbeflächen gesehen. Vor diesem Hintergrund bleibt die Frage, ob eine Ausweisung von 150 Hektar Gewerbefläche notwendig ist, wobei die Kritiker dieses Projektes auf das Schicksal des interkommunalen Gewerbegebietes am Koblenzer Kreuz verweisen, wo sich die Ansiedlung von
Gewerbe als besonders schwierig erweist.

Letztlich wird auf die zu erwartende erhebliche Mehrbelastung durch ein gestiegenes Verkehrsaufkommen aufmerksam gemacht. In Verbindung mit dem geplanten Gewerbegebiet ist ein Anschluss der B 256 an die A 61 geplant. Hierdurch ist eine weitere Verkehrsbelastung für das Rheintal und Weißenthurm zu erwarten.

Insgesamt kommen die Kritiker des Planungsvorhabens zu der Überzeugung, dass bei einem Gewerbegebiet gerade im Bereich um den Saffiger Weg (südlich der B9), aber auch in anderen Gemarkungen, eine reich gegliederte Landschaft mit hohem Bioanteil betroffen ist. Neben Hecken, Streuobst und Obstplantagen finden sich hier Dauergrünland und umfangreiche Biotope, die im Rahmen des Bimsabbaus entstanden sind. All dies führt nach Auffassung von Betroffenen und Fachleuten zu einer erheblichen Beeinträchtigung zahlreicher Menschen, die in diesem Bereich wohnen und wirtschaften.

Kettig ist nach den vorliegenden Plänen von einem neuen Gewerbegebiet noch erheblich mehrbetroffen als Weißenthurm. Dabei vertritt Bürgermeister Norbert Hansen die Auffassung, dass es auf Weißenthurm, aber auch auf Kettiger Gebiet nicht nur landwirtschaftlich
genutzte Flächen gibt, sondern vor allem ein Industriegelände sichtbar wird, das zum Teil erst kürzlich eingerichtete Betriebe aufgenommen hat, aber wo auch alte Gebäude zu betrachten sind, die an die Zeit des uneingeschränkten Bimsabbaus sowie dessen Verarbeitung erinnern, wobei seiner Meinung nach gerade dieses unstrukturierte Gebiet einer konkreten Planung bedarf. Norbert Hansen sieht in der Empfehlung, sich an der Planung zu beteiligen, eine Überwindung des Denkens über die eigene Kirchturmspitze hinaus, die für die weitere wirtschaftliche Entwicklung an der B 9 von Bedeutung ist. Er weiß um die Bedeutung von Naherholungsgebieten für die Bevölkerung und den Schutz landwirtschaftlicher Flächen.

Für die Erhaltung solcher Bereiche sind seiner Meinung nach durchaus Möglichkeiten gegeben. Ein Erholungsgebiet für die Bevölkerung auf der vorgesehenen Fläche kann er allerdings nicht ausmachen. "Die liegen für uns eher im Bereich in Richtung Kärlich und
Bassenheim.

Im vorgesehenen Gebiet bieten sich Areale für Industrieansiedlungen an, die aufgrund ihres derzeitigen Zustandes für die Ausweisung eines Gewerbegebietes geradezu prädestiniert sind", erläuterte Kettigs Bürgermeister.

-jüg-